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Wissenswertes rund um Bewegungsanalyse und Wissenschaft

Bikefitting

Satteldruckmessung: Warum der Blick auch zum Radsportler gehen muss

Im letzten Blogbeitrag haben wir uns angeschaut, dass die Satteldruckmessung ein unverzichtbares Tool zur Optimierung der Sitzposition auf dem Fahrrad ist. Die Fallbeispiele zeigten objektiv, dass sich die Druckverhältnisse und Stabilität auf dem Sattel bei mal größeren, mal kleineren Veränderungen der Sitzpositionsparameter deutlich verbesserten. Allerdings gibt es auch komplexere Fälle. Wir können dann jeglichen Gelenkwinkel optimieren und an der Sattelstellung alles versuchen: Druckverhältnisse und Stabilität bleiben immer dieselben. Das nun folgende Fallbeispiel zeigt einen solch komplexen Fall.

Ausgangssituation

Die Problematik der 21-jährigen Straßen- und Bahnradsportlerin, die in der deutschen Spitze und Nationalmannschaft vertreten ist, war zunächst allgemein gehalten: „Ich finde meine Position auf dem Rennrad nicht.“ Außerdem traten bereits nach längerer Fahrt Beschwerden im Nacken und dem unteren Rücken auf. Die Messung der Ausgangslage zeigte schnell, warum die Beschwerden bestehen. Zunächst der Blick zur Videoanalyse: die Position zu Oberlenker und Bremshebel war zu gestreckt, was zu einem zu hohen Schulterwinkel (102,4°) sowie angespannter Schulterpartie führte. Der optimale Schulterwinkel in Bremshebelposition liegt bei ca. 90-95°. Bei längerer Fahrt löst die Überstreckung und Anspannung im Nacken die unangenehmen Beschwerden aus.

Gleichbleibendes Satteldruckbild trotz Positionsoptimierung

Auf den bewegten Bildern konnte man auch gut erkennen, dass der Oberkörper während der Pedalbewegung starke Bewegung nach vorne und hinten aufwies. Das war ein erster Hinweis auf das Bild der Satteldruckmessung. Die Sportlerin selbst gab bereits nach kurzer Zeit Schmerzen im Schambeinbereich an, was der zweite Hinweis war. Hinweis 1 plus Hinweis 2 gibt eine enorme Schambeinbelastung von 72 Prozent, was das Satteldruckbild zeigte. Nur 28 Prozent der Belastung lag auf den Sitzbeinhöckern. Optimal ist eigentlich ein Verhältnis von 60:40 zugunsten der Sitzbeinregion. Dies führt (a) zu einer verstärkten Kompression der Blutgefäße und Nervenstränge in diesem Bereich und (b) zu einer verringerten Stabilität auf dem Sattel. Die Bewegung auf dem Sattel zeigte sich nun auch in Zahlen übermäßig nach vorne und hinten auf dem Sattel. Sie bewegte sich gut 3cm auf dem Sattel nach vorne und hinten, anstatt zur Seite. Sie schob sich mit jedem Pedaltritt also nach hinten. Erhöhte Reibung auf der Haut sowie erhöhte Ansprüche an die untere Rückenmuskulatur zur Stabilisierung sind weitere Folgen aus dieser Sitzposition.

Die Optimierung der Sitzposition mit kürzerem Vorbau, Erhöhung des Lenkers sowie Verschiebung des Sattels nach vorne führten zu verbesserten Werten im Kniewinkel (ca. 106° in 90°-Kurbelstellung --> optimal 110°) und zu fast optimalen Werten im Schulterwinkel (96,8°). Eins allerdings änderte sich nicht: das Satteldruckbild. Die hohe Schambeinbelastung sowie die geringe Stabilität blieben.

Neuer Sattel und Stabilisationstraining

Wir vermuteten dafür zwei Gründe: einerseits ein ungünstiger Satteltyp, andererseits geringe Stabilität im Rumpfbereich. Bei genauerer Betrachtung der Satteldruckvermessung ist zu erkennen, dass im Bereich der Sitzbeinhöcker (hintere beiden Rechtecke) die Belastung eher am Rand auftritt. Der montierte Sattel war dabei recht schmal mit knapp 130mm Breite und abfallenden Flügeln. Sowohl bei Betrachtung des Körperbaus als auch im Gespräch mit der Sportlerin konnten wir ein eher breites Becken vermerken. Als Tipp gaben wir ihr mit, einen etwas breiteren Sattel auszuprobieren, eventuell mit einer geraden Fläche im hinteren Sattelbereich.

 

Allerdings kann sie abseits des Rades noch sehr viel mehr an Komfort und Leistung herausholen: mit funktionellem Training. Die hohe Schambeinbelastung und vermehrte Bewegung auf dem Sattel nach vorn und hinten ist auch auf mangelnde Stabilität im Rumpfbereich zurückzuführen. Dafür konnten wir folgende Argumente anführen:

  • skoliotische Fehlhaltung der Brustwirbelsäule

  • verstärkte Vorwärtskippung des Beckens

  • Instabilität und Kompensation bei einbeiniger Kniebeuge

  • Instabilität und Kompensation bei tiefer Kniebeuge

  • geringe Integration von Stabitraining

Die Fehlhaltung in der Brustwirbelsäule als auch die Vorwärtskippung des Beckens sind Klassiker in unseren Analysen. Kippt das Becken nach vorne, wandert die Belastung auch zunehmend auf den Schambeinbereich. Ohne die Korrektur der Schulterregion und des Hüft-Becken-Gürtels lässt unsere Sportlerin auf dem Rad einiges an Leistung liegen, die sie idealerweise auf das Pedal bringen sollte. Die fehlende Stabilisierung im Rumpf, muss der Rückenstrecker im unteren Wirbelsäulenbereich „ausbaden“. Muss dieser über stundenlange Trainings- und Rennsessions arbeiten, überlastet er, verspannt und schmerzt schließlich.

Beweglichkeitstests der Muskulatur als auch die Bewegungstests der Kniebeugen zeigten eine sehr hohe Beweglichkeit in Rumpf und Beinen. Vom Typus her ist die Sportlerin also eher der "mobile" Typ. In der Mobilität soll aber auch Stabilität hergestellt sein - dies ist jetzt die Aufgabe unserer Radfahrerin.

Wir vereinbarten am Ende des Fittings, dass die aktuelle Position zunächst im Renn- und Trainingseinsatz getestet wird. Gleichzeitig soll zudem ein breiteter Sattel montiert werden. Außerdem zeigten wir ihr Stabilisationsübungen, die sie versuchen soll, ins tägliche Training zu integrieren. Idealerweise kommt sie in einigen Wochen zum Kontrolltermin, damit wir die Verbesserungen der Stabilität und der Position wieder objektiv erfassen können.

28 Apr
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